Mit dem Mounty über die Alpen Andy und ich bei unserem Alpenerlebnis im July 2008                                    (von Jan Aretz, über den Alpencross mit Andy Ronken von Oberstdorf nach Riva im July 2008)

Tag 1: Helden werden im Regen geboren!

Oberstdorf – Dalaas, Regen, 10-15°C, 11-18 Uhr
60 km, 5h 44min Fahrzeit, 1743 Höhenmeter, höchster Punkt 1918m (Freiburger Hütte)

Nach gelungener Übernachtung und einem ausgiebigen Frühstück im Hotel Rex sind wir um ca. 10 Uhr voller Tatendrang und abfahrbereit. Am Vorabend haben wir wichtige und schwierige Entscheidungen nur unter leichtem Alkoholeinfluss treffen können: Was nehmen wir in unserem Rucksack mit und was nicht? Andy z.B. entschied sich (unbewusst wie er erst am kommenden Abend bemerken sollte) dagegen, eine normale Hose für die Abende mitzunehmen. Ich dagegen entschied mich voller Bewusstsein dafür ein dickes und durchaus anspruchsvolles (und gewichtiges) Buch von Peter Scholl-Latour einzupacken, da ich mir (in dem Moment) absolut sicher war, dass ich abends einen geistigen Ausgleich zu den körperlichen Strapazen des Tages zu schätzen wissen würde. Mit unseren Rucksäcken bepackt und aufgrund des Regens in die Regenklamotten gehüllt machen wir uns also daran, den Tourbeginn anzugehen. Just in diesem Moment jedoch steigert sich der normale und für uns als Startwetter gerade noch akzeptable Oberstdorfer Landregen zu einem ausgewachsenen Oberstdorfer Stark-Regen, der uns von einer Abfahrt abhält und zu ersten Beratungen zurück in die Hotellobby drängt. Dort gewinnen wir wichtige neue Informationen: Der Hotelgastwirt erzählt uns, dass es über den Schrofenpass nach Dalaas (unser heutiges Tagesziel) gerade mal ca. 3,5 Stunden seien, das sei er früher regelmässig mit dem Rennrad gefahren, als Teil einer 220 km Runde durch das Allgäu. Weiterhin finden wir über den Wetterdienst heraus, dass auch für die kommenden Tage keine deutliche Besserung in Aussicht steht. Wir beschliessen also dann dass, erstens diese 3,5 Stunden nach Dalaas ja nun wirklich nicht die Welt sein können und zweitens der sicherste Weg um zu schönem Wetter zu gelangen der nach Süden, also über den ersten Alpenhauptkamm ist. Gesagt, getan, wir steigen dann also auf die Räder und brechen bei der ersten Reduzierung der Regenintensität zu unserer Transalptour 2008 auf. Unser Weg über die Alpen soll uns für die ersten paar Tage entlang der bekannten „Heckmair“-Route führen. Diese hat ein gewisser Andy Heckmair (genannt „Hecki“) aus Oberstdorf vor vielen Jahren erstbefahren und ist seitdem bei Alpencrossern recht popular. Allen „Nachahmern“ dieser Tour wird sehr dazu geraten vor Abfahrt kurz beim „Hecki“ reinzuschauen (er hat da wohl so ein Geschäft) um sich die Salbung vom Chef persönlich zu holen. Wir lassen dies jedoch leichtsinnigerweise aufgrund des Regens einfach weg. Andy (nicht Heckmair sondern mein Mitfahrer) und ich sind beide mit Garmin GPSMap CS(x) 60 Geräten ausgestattet. Andy hat sich unsere gesamte geplante Route aus dem Internet heruntergeladen und dementsprechend einfach ist unsere Navigation. Zunächst geht es recht lange auf Asphalt leicht bis mäßig ansteigend bergauf, ein willkommener einfacher Start. Dann wird es steiler und der Untergrund wechselt zu Schotter. Auf den letzten Metern vor dem Anfang des Schiebestückes zum Schrofenpass tut es aufgrund der Steilheit des Weges schon recht weh, einfach nur weiterzufahren und nicht abzusteigen. Die Atmung intensiviert sich deutlich. Das Schiebestück zum Schrofenpass ist auf einer Wiese zunächst matschig, dann wird es steinig und die Kletterpassage ist felsig. Hier beginnen Andy und ich genauer zu erkunden, wie man denn unsere Bikes am besten tragen kann. Sowohl rechts als auch links vom Körper, denn dies ist hier notwendig. Nach ca. 30 Minuten Schieben und Tragen sind wir aber oben angekommen und können einen schönen Ausblick – soweit Regen und Wolken dies erlauben – geniessen. Auf der Abfahrt vom Schrofenpass müssen wir anfangs die Räder noch schieben, nach kurzer Zeit jedoch entpuppt sich diese als eine sehr schöne und technisch anspruchsvolle Wiesenabfahrt. In Warth machen wir erstmal in einem schönen Käse-Schinken-Bistro Pause. Wir essen gut und viel und fragen uns nicht zum ersten Mal heute, wie denn der Kerl aus dem Hotel (selbst wenn in seinen jungen Jahren) mit dem Rennrad so schnell über den Schrofenpass gekommen ist. Wir haben hier bei dem Bistro bei etwas mehr als der Hälfte der Distanz nach Dalaas schon fast 3 Stunden Fahrzeit auf dem Tacho. Die Antwort auf unsere Frage werden wir wohl nie erhalten aber trotzdem machen wir uns wieder auf den Weg, gespannt darauf herauszufinden wieviel langsamer wir denn nun sein werden als der „Einheimische mit dem Rennrad“. Bis kurz vor der Freiburger Hütte fahren wir eine gut zu fahrende Strasse. Sie ist nicht zu steil, wurde jedoch während unserer kurzen Fahrzeit dort von gefühlten ca. 100 Bussen befahren. Wir fragen uns ob in Dalaas oder auf der Freiburger Hütte eine grosse Party mit Freibier ist oder warum man im 5-Minuten-Takt Busse entlang dieser sonst absolut unbefahrenen Strasse schicken muss. Der höchste Punkt unserer heutigen Tour, die Freiburger Hütte auf 1918 Metern, liegt im Nebel als wir sie passieren. Bevor wir die technisch erneut sehr anspruchsvolle (mit Schiebepassagen) Abfahrt nach Dalaas angehen können müssen wir uns eingestehen, dass wir nicht wissen, wie man auf dem und im Weg stehende Kühe überzeugt, Platz zur Durchfahrt zu machen. Also wählen wir den zwar wahrscheinlich komplett überflüssigen aber unserer ad-hoc Risikoanalyse folgend einzig sicheren Weg grösserer Umwege über angrenzende Weiden, um an den finster und unberechenbar dreinblickenden Kühen vorbeizukommen. Sicher kann man sich fragen, warum wir uns nicht einfach zwischen ihnen durchgedrängt haben, aber ich bin noch heute von der absoluten Richtigkeit unserer Handlung überzeugt. Eine Massenpanik inmitten der Herde während wir gerade mitten durchmarschieren und unsere ganze Alpentour wäre schon am ersten Tag inmitten einer Kuhherde geplatzt. Unten im Tal in Dalaas angekommen kehren wir im rustikalen Gasthaus Paluda ein. Hier sorge ich zunächst durch meine Aussage, dass ich ein Zimmer im Voraus gebucht hätte, für einige Verwirrung. Dies scheint dort noch nicht alltäglich und die Herbergs-Mutter von ihrer eigenen Fortschrittlichkeit überrascht zu sein. Durch das entschlossene Einschreiten des gerade an der Theke zu Abend essenden Herbergs-Sohnes erhalten wir jedoch letzten Endes noch unseren Zimmerschlüssel. Da es den ganzen Tag geregnet hat und wir pladdernass sind stellen wir als erstes in unserem Badezimmer die Heizung auf Volldampf und hängen alle Sachen zum Trocknen auf, um am nächsten Morgen trocken wieder angreifen zu können. Dann gehen wir in eine Pizzeria im Dorf um mit Rotwein auf den gelungenen ersten Tag anzustossen. Andy sieht in seiner kurzen Radhose und Beinlingen beim Abendessen zwar bescheuert aus aber wir sind stolz darauf, dass wir keine grösseren Verluste oder Probleme am ersten Tag zu verzeichnen haben. Im Tagesrückblick müssen wir diverse Sachen feststellen: Wir haben ca. 2 Stunden länger nach Dalaas gebraucht als von unserem sportlichen Hotelier in Oberstdorf vorhergesagt; nirgendwo in Dalaas findet eine Freibierparty statt; Andy’s GPS Gerät hat unsere geplante Route nicht mehr gespeichert (ist wahrscheinlich durch einen Bedienungsunfall gelöscht worden, ab jetzt also Fahrt nach echten Karten); Andy hat keine normale Hose für die Abende mitgenommen; Kühe sind gross, stark und höchstwahrscheinlich absolut unberechenbar.

Tag 2: Der Weg ist das Ziel!

Dalaas - Klosters, bedeckt und trocken, 13-22°C, 9-17.30 Uhr
50 km, 6h 3min Fahrzeit, 2406 Höhenmeter, höchster Punkt 2203m (Schlappiner Joch)

Wir erfreuen uns am Morgen daran, dass unsere Klamotten alle wieder ganz trocken sind und wir keine besonders großen Schmerzen in irgendeinem Körperteil verspüren. Heute soll uns mit über 2400 Höhenmetern die Königsetappe in dieser Disziplin bevorstehen. Die Asphaltstrasse hoch zum Kristbergsattel ist eine willkommene und leicht zu fahrende Bergetappe für den Morgen. Oben am Sattel angekommen halten wir kurz inne und bemerken wie schön es ist, ein trockenes Unterhemd anzuziehen, bevor es auf die längere Abfahrt geht. Wie man sich doch auch über vermeintliche Kleinigkeiten freuen kann. Dies ist absolut zu empfehlen und soll ab nun eine regelmässige Handlung werden: Auf jedem Gipfel in ein trockenes Unterhemd wechseln um die Abfahrt ohne zu frösteln geniessen zu können. Gut, die ersten Höhenmeter sind also verfrühstückt, der erste Peak genommen und die Anstrengung hielt sich dabei aufgrund des guten Untergrundes und nicht allzu steilen Höhenprofils in Grenzen. Leider ist die Abfahrt und die nachfolgende Überbrückung vom Silbertal ins Nachbartal Richtung Schruns überwiegend asphaltiert, jedoch landschaftlich schön. Bevor es dann in den langen 1400 Höhenmeter Anstieg hoch zum Schlappiner Joch geht kehren wir im netten Gasthaus „Montafoner Hüsli“ ein. Dort essen wir gut zu mittag und plaudern etwas mit dem Gastwirt. Er schätzt den kommenden Anstieg etwas realistischer ein, als dies unser sportlicher Gastwirt in Oberstdorf wahrscheinlich getan hätte. Die ersten 10 km des Anstiegs gehen auf Asphalt teils steil bergan. Die Alpenmelodie wird uns dort von einer Dodge Viper geblasen, die von ihrem Fahrer genüsslich aber beherzt durch die Serpentinen gejagt wird. Wahnsinn was so ein Ding Krawall macht, wenn es die richtigen Berge als Klangkörper hat. Nach den Serpentinen ruht das Ungetüm dann allerdings auf einem Parkplatz wo sowohl der Fahrer (sah mehr aus wie ein Rocker) als auch die Beifahrerin (ich glaube es war Doro Pesch) stolz drumherum laufen. Ich lasse mich (in freundlichem Ton) zu der Frage hinreissen, ob sie kein Benzin mehr hätten und ernte zwei nette Lächeln und freundliche Blicke. Wahrscheinlich haben sie gesehen, dass ich dort nach dem Steilstück die Augen sowieso schon über Kreuz stehen hatte und sie wollten dem nichts mehr hinzufügen, sehr rücksichtsvoll. Nachdem die Strasse in Schotter übergegangen ist und mit weiteren steilen Stücken zur Unterhaltung gedient hat verlassen wir irgendwann den breiteren Weg um nach rechts über eine kleine Holzbrücke auf einen schmalen Wanderweg einzubiegen. Ab hier ist Schieben und Tragen angesagt. Mit noch ca. 350 Höhenmetern vor uns und von einer durch viele Stufen und steile Tragestücke sehr anstrengende Wegstrecke angeregt entwickelt sich bei uns schnell das Motto für die kommenden längeren Tragepassagen: Der Weg ist das Ziel! Wenn man hier nicht jeden Schritt bewusst geniesst hat man schnell das Gefühl, dass diese Plackerei nie zu Ende gehen will. Man muss geniessen während man „dabei“ ist, nicht erst danach. Der Genuss unseres „Zieles“ dauert ca. 1,5 Stunden und führt uns auch durch die ersten kleineren Schneefelder. Wir freuen uns als wir oben sind, machen diverse Gipfelfotos, wechseln nun schon traditionell in ein trockenes (aber nicht mehr unbedingt sauberes) Unterhemd und machen uns an die Abfahrt. Diese ist sehr cool, teils muss man schieben, überwiegend kann man den technisch anspruchsvollen Trail über Wiesen und Wege bergab jedoch fahren. Kurz bevor es in Schlappin auf Asphalt geht macht Andy noch einen kleinen Stunt und hebelt dabei seinen vorderen Bremshebel aus der Verankerung. Damit funktioniert nur noch seine hintere Bremse und die Abfahrt über die Strasse hinunter nach Klosters wird etwas langsamer. Wir wechseln die Räder damit ich seine Hinterbremse mit meinem geringeren Gewicht nicht so stark belaste. Ich versuche möglichst oft die Bremse ganz zu lösen, um eine Überhitzung zu vermeiden. Aufgrund des starken Gefälles geht dies aber nicht wirklich gut und wir nutzen schnell unser restliches Wasser auf, um die Bremsscheibe herunterzukühlen. In Klosters angekommen finden wir einen Radladen wo Andy sein Rad zur Reparatur zurücklässt. Der Mechaniker verspricht es sich anzuschauen und uns im Hotel anzurufen, wenn er fertig ist. Wir kehren im vornehmen „Sporthotel Alpina“ ein. Dies habe ich im Vorfeld so geplant um sicherzustellen, dass wir nach den ersten beiden Tourtagen und den damit verbundenen Strapazen eine nette Massage, ein schönes Schwimmbad und ein leckeres Abendessen geniessen können. Nur damit wir nicht allzu schnell den Spass an der Sache verlieren würden. Nun geniessen wir nicht nur das gute Hotel, Andy nutzt in Klosters auch noch die Chance seinen kleinen Faupax beim Packen in Oberstdorf auszubügeln und kauft sich eine normale Hose für die Abende. Zusätzlich kauft er sich auch gleich eine neue Regenhose, denn seine (2 Tage) Alte sieht nach diesen ersten beiden Tagen schon sehr zerrupft aus, löst sich an vielen Stellen bereits auf. Der Kreis des Neuen schliesst sich für Andy als der Mann aus dem Radladen das reparierte Bike für schlanke 80 SFr im Hotel abliefert. Super. Am Ende hat uns diese zweite Etappe also mit über 6 Stunden Fahrzeit länger auf dem Rad beschäftigt als es jeder andere Tag im Verlaufe der Tour noch tun soll. Trotzdem sollten wir aber nur die zweitgeringste Kilometerleistung unserer 8 Tage hier erreichen. Höhenmeter rauben demnach doch Distanz und Zeit. Man kann den Weg (das Ziel) noch länger geniessen. Ausserdem hat uns heute auch zum ersten Mal der Defektteufel erwischt, hoffentlich bleibt es bei diesem einen Besuch.

Tag 3: Ein Tag wie aus dem Bilderbuch!

Klosters – S-Chanf, Sonne, 14-23°C, 9.30-18 Uhr
44 km, 5h 5min Fahrzeit, 1635 Höhenmeter, höchster Punkt 2611m (Scaletta-Pass)

Hurra! Wir werden von strahlendem Sonnenschein auf unsere dritte Tagestour eingeladen. Auf den ersten Metern fühlen wir uns als wahre Helden, die für ihren mutigen Tourstart im strömenden Regen von Oberstdorf von nun an mit reichlich Sonnenschein belohnt werden. Und - um dies vorweg zu nehmen - in der Tat werden wir während unserer Tour kein zweites Mal im Regen fahren müssen. Die heutige Tour sollte die kürzeste nach Kilometern und die schönste von der Strecke her werden. Wir fahren zunächst in der angenehmen Morgenkühle einen schönen Waldweg hinauf in Richtung Davos. Der Weg ist teilweise sehr steil und ein echter Singletrail, super. Unterwegs fragen wir an einer Weggabelung drei von hinten kommende Läufer nach dem Weg. Wir finden heraus dass die drei (davon eine Frau) auch nach Davos unterwegs sind, wir also den selben Weg haben. Wir finden (leider) weiterhin heraus, dass sie schneller laufen als wir fahren, wir sie bei unserem normalen Tempo also nicht mal halten können! Wahnsinn, die Schweizer haben eh schon die ganze Zeit einen recht fitten Eindruck auf uns gemacht. Bevor wir nach Davos kommen gelangen wir bei schönstem Sonnenschein an den Davoser See, der uns zu einer ersten Pause auf einem kleinen Steg direkt am Wasser einläd. Wunderschön. Nach einer kleinen Siesta und Stärkung mit Riegeln geht es weiter in das Dürrboden-Tal, das von Davos hinauf nach Dürrboden führt. Was für ein wunderschöner unbefestigter Weg uns in diesem atemberaubend schönen Tal doch erwartet. Es geht nicht allzusteil aber stetig bergan, so dass wir diesen Teil der Tour sowohl landschaftlich als auch auf dem Bike wirklich sehr auskosten können. In Dürrboden angekommen machen wir eine wohlverdiente Pause auf der dortigen Sonnenterasse. Ab hier soll es ca. 1,5 – 2 Stunden dauern, um zum Scaletta-Pass hinaufzuschieben. Diese Aussicht verleitet uns dazu zu unserem Essen zwei grosse braune Flaschen „Saft aus Fass“ zu kaufen, also mit einem gepflegten Bier auf den anstehenden Aufstieg anzustossen. Leider (oder zum Glück) entpuppt sich der „Saft aus Fass“ als Alkohol-freier Apfelwein, der aber auch gut schmeckt und uns wahrscheinlich wesentlich besser getan hat als ein Bier das jemals hätte tun können. Wir trinken jeder noch eine zweite Flasche des Fass-Saftes und schieben dann gestärkt und ausgeruht unsere Räder die ca. 400 Höhenmeter hinauf zum Pass. Schnell findet Andy heraus, dass er es bevorzugt als Erster zu gehen, denn der Fass-Saft löst bei mir regelmässige und stark riechende Gasfreisetzungen aus. Vor uns ist ein interessantes Paar unterwegs. Der Mann schiebt sein Rad während die Frau grosse Teile des unteren Teils des Anstieges noch fährt. Andy und ich sind uns einig dass wir zwei ein gutes Team sind und beide schieben wir (mehr oder weniger) gemütlich unsere Räder bis nach oben zum Pass. Auch sind wir uns schnell einig, dass die Frau vor uns sehr fit ist, also ganz klar eine Schweizerin sein muss. Ein weiterer Beweis für die Fitness der Schweizer sind die Ausschreibungen, die wir für einen Event in der Gegend finden. Er setzt sich aus diversen Lauf- und Radetappen zusammen, führt unter anderem auch über den Scaletta-Pass. Erst denken wir dies wäre ein Mehrtages-Event, da die km-Anzahl wirklich sehr ernstzunehmend ist, finden dann aber heraus, dass dies an einem Stück zu absolvieren ist. Unser Respekt vor den Schweizern steigt weiter. Die sehr lange Abfahrt vom Scaletta-Pass nach S-Chanf (wie spricht man das eigentlich aus?) hinunter ist ein absoluter Traum! Zunächst geht es technisch sehr anspruchsvoll einen Fusspfad hinunter - wir müssen auch 3 kleine Schneefelder passieren - dann führt uns ein toller schmaler Weg über Wiesen und durch Bäche hindurch, danach kommt eine schnelle Schotterpassage entlang eines recht breiten Flusses vor einer tollen grossen Bergkulisse und zum Abschluss nochmal ein schöner Waldweg hinunter an die Hauptstrasse. Das ist eine Abfahrt wie man sie schöner und abwechslungsreicher nicht bauen könnte. In S-Chanf kehren wir im Radhotel „Scaletta“ ein. Das Zimmer ist schön, das Abendessen und der Wein gut aber wir vergessen den Gastwirt zu fragen, wie denn S-Chanf nun wirklich ausgesprochen wird. Unterwegs haben wir dies immer mal wieder gefragt und die unterschiedlichsten Antworten erhalten. Für uns sollte dieses Rätsel bis zum Ende ungelöst bleiben. Genauso wie die Fitness der Schweizer.

Tag 4: Los quält euch, ihr Schweine!

S-Chanf - Arnoga, Wolken und Sonne, 13-22°C, 9.00-16.30 Uhr
58 km, 5h 16min Fahrzeit, 1689 Höhenmeter, höchster Punkt 2693m (Pass Chaschauna)

Erneut begleitet uns praller Sonnenschein auf unserer Tour und macht die ersten Meter trotz etwas schmerzender Hintern zu einem wahren Morgengenuss. Das Val Chaschauna ist landschaftlich ein echtes Highlight. Der Weg ist gut zu fahren, erst Schotter und nicht zu steil, dann später in Wiese übergehend. Ab hier hat man das Gefühl mit den Kühen um die Wiese zu konkurrieren, so wohl fühlen wir uns dort. Das Panorama ist einfach unglaublich schön. Einige hundert Höhenmeter unter dem Dach unserer Tour, dem Pass Chaschauna auf 2693 Metern Höhe, halten wir bei einer kleinen Alm nochmal kurz inne. Wir setzen uns hin, schauen das Tal hinauf und hinab, stärken uns und werden unbewusst Zeuge dessen, warum Schweine eines Tages Schweine genannt wurden. In dem kleinen Schweinegehege der Alm, an der wir rasten, sehen wir uns mal etwas genauer an, wie das mit der Fütterung der Schweine funktioniert. Eine leicht geneigte und recht breite Rinne führt von einem grossen Behälter mit halbflüssiger Schweinenahrung (wahrscheinlich sind darin alle Abfälle die auf dem Hof so anfallen gesammelt) in das Schweinegehege. Dort ist alles so schmutzig und matschig dass man Mühe hat überhaupt irgendetwas in dieser grossen dunklen Matsch-Ecke differenzieren zu können. Die Schweine jedenfalls sehen das mit der Verschmutzung ihres Futters nicht so genau, sie stehen mitten in der Futterrinne und fressen genüsslich alles, was in die Nähe ihres Mauls kommt. Solche Schweine! Haben aber auch wirklich gar kein Gefühl für Hygiene irgendeiner Art. Naja, diese Einsicht und den kleinen sprachhistorischen Diskurs verdaut, machen wir uns auf den Weg, die letzten zwei Stunden bis zum Pass zu bewältigen. Erst noch fahrend über wunderschöne Almwiesen, dann schiebend und tragend über den Klettersteig. Unterwegs hält Andy kurz inne und bemerkt, dass er wohl seine Sonnenbrille unten bei unserer Rast vergessen und zurückgelassen haben muss. Nach kurzer Überlegung entscheidet er, nicht zurückzufahren sondern die Brille lieber abzuschreiben. Eine mutige Entscheidung, die jedoch gar nicht nötig gewesen wäre, denn ich entdecke dann an seinem Lenker eingehängt seine Brille. Der zerstreute Professor auf dem Rad unterwegs. Nach dem obligatorischem Gipfelfoto und Unterhemdenwechsel stürzen wir uns in die steile und sehr kurvige Schotterabfahrt nach Livigno. Am Ende der Abfahrt finden wir eine schöne Ausflugshütte in die wir einkehren und Mittag machen. Nach der Pause fahren wir um den See in Livigno und dann den Anstieg zum Passo Alpisella hoch. Dieser ist knackig. Ein sehr steiler Schotterweg, umgeben von schroffen felsigen Bergen, nur von äusserst fitten Radlern fahrend zu bezwingen. Wir schaffen das natürlich, zumindest am Anfang. Dann müssen wir erkennen, dass die Qual kein Ende zu nehmen scheint und wir entscheiden uns, die Räder zu schieben – was immer noch anstrengend genug ist (aber wir sind ja auch keine Schweizer). Die Abfahrt vom Pass hinunter zu einem ca. 2000 Meter hoch gelegenen Stausee (Lago di Fraele?) ist nicht anspruchsvoll. Rund um den Stausee fahren wir ca. 15 km in einer Gegend, die mich sehr stark an meine Zeit in China erinnert. Es ist sehr dreckig, dunkler Sand auf den Schotterpisten, hässliche Betonbauten und recht viele Autos sind unterwegs. Auf der italienischen Seite ist es bisher nicht sehr reizvoll. Dieser Teil hier ist das landschaftliche Lowlight unserer Tour. Schnell kommen wir aus diesem (sprichwörtlichen) Loch jedoch wieder heraus, als wir an den Torri di Fraele (Wehrtürme auf der Höhe weit über Bormio) vorbei schauen und in die Serpentinen hinunter nach Bormio sehen können. Das sieht schon besser aus. Wir fahren nur die ersten paar Serpentinen hinunter und gelangen dann auf einen Höhenweg der uns ca. 10 km auf einer Höhe von 1900 Meter nach Arnoga bringt. Dort checken wir im Hotel „Li Arnoga“ ein. Da wir schon um ca. 16 Uhr im Hotel angekommen sind, haben wir Gelegenheit, die letzte Stunde der heutigen Tour de France Etappe zu sehen. Es geht durch die Alpen und der Gesamtführende Cadel Evans muss sich am Schlussanstieg ständiger Angriffe seiner Konkurrenten erwehren. Der arme Kerl, man sieht ihm wirklich an, wie sehr er mit jeder Pedalumdrehung leidet. Wir fühlen uns besonders gut, dies nach unserer getanen Arbeit auf dem Bett liegend anschauen und fachmännisch beurteilen zu können. Am Ende gelangen wir zu der Erkenntnis, dass es doch viel besser ist, eine schöne Tour im eigenen Tempo zu fahren als sich im Rennstress ständig dem Tempo anderer anpassen und so schweinemässig quälen zu müssen. Evans verliert übrigens heute das gelbe Trikot an Frank Schleck. Beim Abendessen machen wir die beste Entdeckung des Tages. Unser Hotelzimmer kostet nur schlappe 52 Euro pro Person, inklusive Frühstück und einem 3 Gänge a la carte Abendessen. Dies bekommen wir von der sehr hübschen aber recht zickigen „Loretta“ serviert. Zu unserer Genugtuung führt Loretta aber hinter dem Tresen Selbstgespräche. Wäre ja auch unfair wenn sie nicht nur so wunderhübsch sondern auch sonst noch perfekt wäre. Neben der Tageserkenntnis der Herkunft des Namens der Schweine erleben wir heute abend auch noch am eigenen Leibe, dass ein starkes Gewitter sich auf 1900 Meter Höhe doch ganz anders anfühlt als im sicheren Flachland. Der Donner lässt sprichwörtlich das ganze Hotel erzittern, inklusive Tische und Stühle im Restaurant. Interessant.

Tag 5: Im wahren Italien angekommen!

Arnoga – Vezza d’Oglio, Sonne, 12-26°C, 9.00-18.00 Uhr
65 km, 5h 11min Fahrzeit, 1912 Höhenmeter, höchster Punkt 2308m (Passo di Verva)

Am Morgen werden wir durch die durchdringenden Rufe eines gemeinen italienischen Alpen-Hahnes geweckt. Schrill und immer lauter ruft er seinen unverkennbaren Schrei in seine Umwelt. Nach ein paar Minuten hört er endlich auf, wir sind erleichtert und nicken noch einmal ein. Nur für kurze Zeit jedoch, dann fängt er wieder an, erst leise, dann lauter und am Ende wirklich sehr laut und nervig. Kurz bevor ich aufstehen und den Hahn aus dem Fenster heraus mit irgendetwas erschlagen möchte bemerkt Andy, dass dieser Hahn ja der Weckruf seines Handys ist. Er ist selber fast mehr überrascht als ich und wir lachen uns erstmal scheckig und sind danach zweifellos hellwach. Zum Frühstück nehmen wir heute den Passo die Verva, von uns offiziell in „Murmeltierpass“ übersetzt. Ca. 500 Höhenmeter auf Schotter in schöner Landschaft werden durch die Gesellschaft vieler Murmeltiere rund um die Passhöhe belohnt. Überall um die herumliegenden Felsen rechts und links vom Weg laufen die süssen kleinen Murmeltiere. Lustig. Zahm sind sie jedoch definitiv nicht, sie halten einen gesunden Abstand zu uns (und wir zu ihnen). In trockenem Unterhemd geht es in die 1300 Höhenmeter-Abfahrt. Die ersten Kilometer bestehen aus einer rauhen Schotterpiste. Dann kommen wir an einen sehr schönen kleinen Bergsee, an dem wir kurz pausieren. Nach der Weiterfahrt geraten wir durch einen Koordinationsfehler meinerseits etwas vom Weg ab. Das ist recht unterhaltsam. Der Weg geht zunächst schön und steil bergab, wird immer schmaler bis er dann ganz weg ist und wir mitten auf einer Wiese mit hohem Gras an einem steilen Hang mit Ausblick stehen. Weiter unten ist der richtige Weg auszumachen, auch die eine oder andere Hütte und Leute, die hohem Gras mit einer Sense zuleibe rücken. Wir steigen und fahren also die steile Wiese bergab bis wir durch den Garten der Sensenmänner wieder auf die Strasse nach Grosio gelangen. In Grosio kehren wir bei „Jim“ zum Mittagessen ein. Am Nachbartisch sitzen zwei deutsche Touristen, die - genau wie wir - ihren ersten Puckel für heute schon abgeritten haben und ebenfalls am Nachmittag noch ein paar km fahren müssen, um nach Hause zu kommen. Sie legen auf unseren „Bierchen zu Mittag“-Ansatz noch einen drauf denn sie läuten das ganze noch mit einem Prosecco als Aperitiv ein. Auf den folgenden 1200 Höhenmetern hoch zum Passo della Foppa freuen wir uns über unsere Entscheidung, nur die Biervariante gewählt zu haben, denn auch so erleichtern wir uns den Aufstieg durch diverse Päuschen um uns nicht zu sehr ins Koma fahren zu müssen. Auch als wir das Opfer einer hinterhältigen Hundeattacke werden tun uns die nicht getrunkenen Prosecco sehr gut, denn den langen Bergsprint, den wir hier jetzt hinlegen, hätten wir sonst vielleicht nicht hinbekommen. Als wir die Hunde schon sicher abgehängt glauben kommt von unten ein Auto den Berg hinauf gefahren und droht die hinterherlaufenden Hunde nochmals bis zu uns mitzubringen. Wir finden das bei immernoch Puls 200 nicht sehr lustig und sind wirklich erleichtert als die Hunde kurz vor uns von dem Auto ablassen und zu ihrem Haus zurücklaufen. Die lange Abfahrt vom Pass ist komplett asphaltiert und geht schnell vorbei. Im anschliessenden Tal in Monno angekommen meldet sich bei Andy ein kleiner Hunger. Wir halten an einem Tante-Emma-Laden an und gehen eine Kleinigkeit einkaufen. Schnell sehe ich, dass Andy’s kleiner Hunger ein ausgewachsener Haribo-Heisshunger war. Innerhalb von Sekunden vernascht er eine ganze Tüte und kommt erst bei der zweiten Tüte auf die Idee, mich zu fragen, ob ich auch was haben möchte. Nach diesem kurzen Stopp fahren wir einige Kilometer leicht ansteigend das Tal entlang. Dann entscheiden wir uns, auf Quartiersuche für die Nacht zu gehen (ab dem heutigen Tag habe ich keine Zimmer mehr reserviert, wir müssen also spontan was suchen und finden). Im nächsten Ort fragen wir einen in einem Strassencafe sitzenden Einheimischen nach dem nächsten Hotel. Wichtig erklärt er uns, dass es in diesem Ort kein Hotel gäbe und dass wir 5 km in den nächsten grösseren Ort fahren müssten. Wir nehmen das einfach mal als lokale Ortskenntnis hin und setzen uns wieder aufs Rad, um die nächsten 5 km anzugehen. Dies jedoch nur um nach 200 Metern an einem schönen und geöffneten Hotel Garni vorbeizukommen. Dort kehren wir ein. Abends lernen wir dann am lebenden Beispiel, dass es in Italien in einer Pizzeria auch wirklich nur Pizza gibt, und keine Pasta! Das ist schade denn wir sind ganz zum unteren Ende des allerdings kleinen Dorfes gelaufen, um dort Nudeln zu essen. Da dies nicht geht müssen wir jetzt wieder ins Dorfzentrum zurückkehren um in dem anderen Restaurant des Dorfes unsere Pasta zu bekommen. Was wir ebenfalls über italienische Restaurants lernen ist, dass in den meisten Fällen das Essen sehr kurz nach der Bestellung serviert wird. Der Rekord für einen Hauptgang liegt bisher bei unter fünf Minuten. Das macht uns etwas stutzig, sind doch die Italiener zusammen mit den Franzosen als Geniesser beim Essen verschrien. Weiterhin fällt uns im Laufe der Tage auf, dass die meisten kleinen Dörfer, durch die wir hier in Norditalien kommen, sehr schön restauriert und nur wenige der alten Häuser verfallen sind. Wir sind uns sicher, dass hier EU-Subventionen verwendet wurden, finden dies aber gut, denn wir sehen ja, dass das Geld offensichtlich angekommen ist. Auch freuen wir uns darüber, dass fast jeder kleine Ort eine eigene Bäckerei, einen Metzger, einen kleinen Laden und mindestens eine Bar hat. Hier ist die Dorfidylle noch vorhanden und intakt. Super. Achja, und Andy kann sich in so einem Dorf auch einen Rasierer kaufen und sich damit zum ersten Mal auf der Tour rasieren. Den Rasierer hatte er nämlich auch beim Packen unter Alkoholeinfluss in Oberstdorf vergessen.

Tag 6: Auf den Spuren der Mountainbike-Weltmeister!

Vezza d’Oglio – Madonna di Campiglio, Sonne, 13-25°C, 8.30-16.30 Uhr
65 km, 5h 12min Fahrzeit, 1939 Höhenmeter, höchster Punkt 1895m (Passo di Tonnale)

Am Morgen machen wir uns recht früh auf um nicht zu spät in Madonna di Campiglio, unserem Tagesziel, anzukommen. Das hat einen guten Grund. Wir haben uns vorgenommen dort zum zweiten Mal - ähnlich wie bereits in Klosters - in einem Wellnesshotel einzuchecken. Um genügend Zeit für Sauna, Whirlpool etc. zu haben wollen wir heute unterwegs nicht trödeln. Am Anfang haben wir etwas Mühe den Waldweg hinauf zum Passo Tonnale zu finden. Als wir in dann endlich gefunden haben stellen sich uns schnell Schwierigkeiten in der Gestalt einer grösseren Waldbaustelle in den Weg. Wir umkurven diese Baustelle schiebend durch den Wald. Nachdem wir wieder auf dem richtigen Weg sind bestätigen sich unsere gestrigen Befürchtungen: Der Waldweg hoch zum Pass folgt einer (steilen) Skipiste. Hier ist nix mit fahren. Geduldig schiebend machen wir uns also auf den Weg nach oben. Unterwegs sehen wir ein paar Leute in der Distanz Vermessungen vornehmen. Wir hoffen nur, dass sie nicht zufällig durch Sprengungen versuchen, die Skipisten für den nächsten Winter auf Vordermann zu bringen. Auf etwa halber Höhe zum Pass haben wir Glück, wir kommen der Passstrasse nahe und können vom Schieben auf der Skipiste zum Fahren auf Asphalt wechseln. Auf der Passhöhe in einem leeren Skigebiet essen wir in einem kleinen Cafe einen Happen, dann geht es teils auf Asphalt und teils im Gelände runter ins Tal nach Dimaro. Dort folgen wir einem Radweg entland eines Flusses bis zum Anstieg nach Madonna di Campiglio. Dabei passieren wir auch den Ort an dem vor vier Wochen die Mountainbike-Weltmeisterschaften ausgetragen wurden (im Val di Sole). Hier scheint alles auf outdoor-Sport ausgerichtet zu sein. Es gibt einige Rafting und Mountainbike-Schulen, Hotels bieten Verleihservice und geführte Touren an. Hier steppt der Outdoor-Bär. Dies können wir bei unserer auf einer Sonnenterasse durchgeführten Mittagspause bestätigen. Der Anstieg nach Madonna ist dann sowohl landschaftlich als auch fahrtechnisch eine absolut fantastische Mountainbike Strecke. In einem wunderschönen steilen Flusstal schlängelt sich der schmale Weg hinauf. Wir treffen dort zum zweiten Mal in zwei Tagen eine Gruppe von 4 anderen deutschen Alpencrossern. Sie sind einen Tag nach uns an einem anderen Ort losgefahren und haben trotzdem wie wir den ersten Tag noch im Regen fahren müssen. Unsere heldenhafte Entscheidung in Oberstdorf, die Tour nicht um einen Tag zu verschieben, war also goldrichtig. Beim Anstieg schliessen wir zu den Vieren auf, reden kurz mit ihnen und hängen sie dann (natürlich) mit Leichtigkeit ab. Der Schnellste von ihnen versucht noch, an uns dran zu bleiben, gibt es dann aber auf. Zwar waren sie sicher nicht der allerhöchste Massstab, den wir uns hier gesetzt haben. Jedoch ist es trotzdem ein ganz gutes Gefühl, nicht zu den allerlangsamsten Alpencrossern zu gehören. Und wahrscheinlich waren wir auch noch von den Mountainbike-WM-Postern im Val Di Sole beeinflusst. In Madonna di Campiglio angekommen finden wir ein 4 Sterne Wellness Hotel, dass ein Doppelzimmer mit Halbpension für 95 Euro pro Person anbietet. Gebongt, wir checken ein und werden von dem klassischen, fast barocken Zimmer überrascht. Teppich an der Wand und Goldränder an den Möbeln und den Spiegeln, das ist doch was. Als erstes checken wir den Wellness Bereich aus, legen uns für ungefähr 30 Minuten in den Whirlpool und freuen uns erneut darüber, dass wir seit dem 1. Tag nicht mehr nass geworden sind. Unsere persönliche Heldenbelohnung eben. Die Waage im Wellnessbereich zeigt allerdings auch an, dass Andy und ich seit Tourbeginn 1 bzw. 0,5 kg zugenommen haben. Das hatten wir anders erwartet. Wir fressen zu viel! Aber mit der Diät oder wenigstens der Normalisierung unserer Essgewohnheiten wollen wir dann doch lieber bis nach unserer Rückkehr nach Deutschland warten. Einsicht des Tages: Wo wir sind ist vorn (und trocken).

Tag 7: Grappa muss nicht immer seinen Preis haben!

Madonna di Campiglio - Storo, Sonne, 13-25°C, 9.00-17.30 Uhr
70 km, 4h 26min Fahrzeit, 972 Höhenmeter, höchster Punkt 1526m (Madonna di Campiglio)

Nachdem wir bei erneut strahlendem Sonnenschein aus dem konservativen Luxushotel ausgecheckt haben beginnen wir die Tour des Tages. Das Streckenprofil ist einfach super. Zunächst wird es für fast 1000 Höhenmeter bergab gehen. Wir freuen uns wie die Schneekönige, werden allerdings durch den zweiten Defekt der Tour sehr herbe ausgebremst. An Andy’s Rad blockiert die Vorderbremse. Die Bremsklötze sind fast ganz weg und durchgebrochen. Inzwischen bremst Metall auf Metall. So kann kein Meter mehr gefahren werden, ein Radladen muss her. Der Radladen in Madonna entpuppt sich schnell als Fake, der Besitzer - per Telefon hergerufen – streckt sofort die Flügel, kann also nicht mal nen Bremsklotz an einer Scheibenbremse auswechseln. Toll. Zum Glück hat uns Sandra (Andy’s Freundin) in Madonna di Campiglio besucht und wir können sie per Telefon zurückrufen. Sie kann Andy als shuttleservice zum nächsten Radladen im Tal dienen. Wir verabreden uns für weiter unten im Tal und ich mache mich per Rad alleine auf die Abfahrt. Diese entpuppt sich als Traumabfahrt mit Exkursionsunterbrechungen. Zunächst folge ich einem Singletrail, der langsam immer steiler und technisch anspruchsvoller wird. Er ist durchweg sehr anspruchsvoll mit vielen Serpentinen und ein absoluter Traum für mich. Dummerweise (aber logisch) komme ich irgendwann unten im Tal am Fluss aus. Ich bin zwar der - meiner Meinung nach - berechtigten Hoffnung, dass der Weg dann dort weiter den Fluss entlang talabwärts gehen wird, sehe mich jedoch eines Besseren (in diesem Fall für mich klar Schlechteren) belehrt. Dieser Weg geht am Fluss nicht weiter. Wenn ich nicht den ganzen Weg zurücklaufen möchte, kann ich nur einen kleinen steilen Fusspfad hinaufklettern und hoffen, dass ich damit irgendwann wieder in die Zivilisation in Form eines breiteren Weges oder einer Strasse zurückkehre. Nach ungefähr 20 abenteuerlichen Schiebe- und Kletter-Minuten inmitten eines dichten und steilen Waldes erreiche ich endlich eine Strasse und kann wieder aufs Rad steigen. Unterwegs sammel ich dann Andy ein - er hat mittlerweile neue Bremsklötze am Rad - und wir fahren weiter in Richtung Storo. Im Grunde müssen wir hier für 20 oder 30 Kilometer immer nur einem Tal folgen. Der offensichtlich einfachste aber auch langweiligste Weg wäre, dies entlang der Strasse zu tun. Wir entscheiden uns natürlich dagegen und versuchen unseren Mounty-Weg entlang des Hanges zu finden. Wir erfahren teilweise Belohnung in Form von sehr schönen Waldwegen und teilweise Frustration in Form von Bergauf-Sackgassen, die wir dann natürlich ganz umsonst hinauf geradelt sind (es ist ja nun nicht so, dass wir noch ganz frisch wie an Tag 1 wären). Teilweise laufen wir auch einfach nur etwas verloren im Wald umher. Was uns im Tal auffällt ist ein gigantischer schwarzer „Wasserwurm“, eine oberirdische Rohrleitung von mindestens 2,5 Metern Durchmesser, die sich im Tal entlangschlängelt bis sie an einer bestimmten Stelle im Berg verschwindet. Wenn diese jemals komplett mit Wasser gefüllt sein sollte könnte man damit wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit das Mittelmeer randvoll laufen lassen. In Storo angekommen überzeugt uns das einzige Hotel am Platze durch gezielte Gastfreundschaft. Der Gastwirt spricht gebrochen deutsch und hat uns ein Zimmer untergejubelt bevor wir mit den Augen zwinkern oder die Flucht ergreifen können. Ist auch gut so, denn in der Gegend gibt es keine Alternative. Als wir das Zimmer beziehen erleben wir diverse Überraschungen: Beim Hochziehen der Rolläden sowohl im Hauptzimmer als auch neben dem Klo im Badezimmer werden wir von einer Gruppe anderer Alpencrosser auf ihrem Balkon überrascht. Dorthin öffnen unsere Fenster. Der Balkon der Nachbarn grenzt direkt an unsere Zimmerwand. Beim Geschäft auf dem Klo werde ich also bei offenem Fenster aber heruntergelassener Rollade nur durch max. 1 Meter von unserem Bier trinkenden Nachbarn auf seiner Terrasse getrennt. Naja, dies ist dann wohl eher sein Problem als meines. Beim Hinsetzen auf die Betten fallen wir fast bis auf den Boden durch. Die Matratzen sind wirklich sehr weich. Andy und ich lassen das Los entscheiden, wer auf dem sehr weichen und wer auf dem sehr sehr weichen Bett schlafen muss. Ist ja nur für eine Nacht. Die Pizzeria nebenan ist sehr ordentlich und erneut beginnen wir einen Abend bei einem leckeren Wein, Pizza, Pasta und Salat. Der anschliessende Marsch durch den Ort wird durch vielerlei Dinge unterhaltsam gestaltet. Zunächst fällt uns auf, dass an nahezu jedem Haus und Zaun eine italienische Flagge angebracht ist. Es scheint irgendein Nationalfeiertag zu sein, welcher, werden wir jedoch nie herausfinden. Als wir uns dann am Marktplatz noch auf einen Grappa vor der „Roxi-Bar“ hinsetzen erfreuen wir uns über den niedrigen Preis von weniger als 2 Euro pro Grappa. Auch staunen wir über das vielleicht klassische italienische Dorf-Familienbild, dass wir hier geboten bekommen. Der Vater sitzt bei Zigarette und Bier mit Bekannten zusammen am Tisch und unterhält sich. Die Mutter läuft mit Zigarette hinter dem Ohr etwas planlos umher, mal zu den spielenden Kindern, mal zu dem Vater, mal zur Unterhaltung mit den anderen Müttern. Die Kinder laufen regelmässig bis an die Grenze ihres erlaubten Bewegungsradius, was jedes Mal durch lautstarke Verbotsrufe der Mutter kommentiert wird. Sie scheinen aber Verständigungs- oder Verständnis-Probleme zu haben, denn dies wiederholt sich alle 5 Minuten. Wir schauen uns dieses Schauspiel eine zeitlang an, geniesen noch einige Grappa – bis wir uns reich gespart haben - und machen uns danach einigermassen bedudelt auf den Weg ins Hotel.

Tag 8: Mit Familie Feuerstein am Tremalzo!

Storo – Riva del Garda, Sonne, 12-28°C, 8.30-16.30 Uhr
51 km, 4h 41min Fahrzeit, 1694 Höhenmeter, höchster Punkt 1853m (Tremalzo Tunnel)

Am letzten Tag unserer Tour brechen wir trotz des erhöhten Grappakonsums am Vorabend früh auf. Ich denke, wir sind einfach geil darauf, anzukommen und den Alpencross komplett zu machen. Ausserdem ruft der Gardasee mit einem schönen Hotel, Pool, Hotelbar usw. Dort werden wir noch einen Tag mit wohlverdienter Entspannung verbringen bevor wir dann mit Sandra (sie treffen wir dort) zurück nach Deutschland fahren werden. Die ersten Meter in der kühlen Morgenluft gehen auf Asphalt stetig aber nur leicht bergan und machen richtig Spass. Wir freuen uns darauf, durch den legendären Tremalzo Tunnel zu fahren und sind hochmotiviert. Nach ca. 2 Stunden und nahezu 1400 Höhenmetern kehren wir in einem kleinen Restaurant etwa 100 Höhenmeter unterhalb des Tremalzo Passes für eine hausgemachte Suppe und eine Cola ein. Das Gastwirtspaar ist zusammen sicher mindestens 175 Jahre alt und nicht mehr schnell auf den Beinen unterwegs. Die Suppe aber haben sie im Griff. Sehr lecker. Nach dieser Stärkung machen wir uns auf die paar Meter hinauf zum letzten Peak unserer Tour. Auf dem grossen Parkplatz vor dem Tremalzo Pass trifft gerade eine Busladung von Hobby-Downhillern ein. Sie haben sich hochchauffieren lassen um die Abfahrt zum Gardasee ohne vorherige Bergaufstrapaze in Anspruch nehmen zu können. Was für Weicheier. Wir haben das ganze Programm gemacht, um uns die schöne Tremalzo Abfahrt zu verdienen. Und mit ganzem Programm meine ich nicht nur die Strasse heute morgen hier hoch sondern mit dem Rad über die ganzen Alpen hierher. Mit diesem Gefühl des Hochmuts und Stolzes rollen wir an den Tremalzo Tunnel heran und hindurch. Bevor wir uns an die Abfahrt machen haben wir bei einer Pause noch genügend Zeit uns über die „Familie Feuerstein“ zu wundern. Diese beobachten wir von unserem Pausenplatz am Ausgang des Tremalzo Tunnels aus. Sie stehen kurz vor der Abfahrt vom Tremalzo. Papa Feuerstein, offensichtlich ein begeisterter (und beschränkter) Hobby-Mountainbiker, hat seine Frau und seine beiden Kinder (eine Tochter und ein Sohn, ca. 12-15 Jahre alt) zum Tremalzo hochgeschleppt (natürlich per Shuttle) um ihnen die berühmt-berüchtigte Tremalzo Abfahrt zu zeigen. Die vier machen sich an die letzten Abfahrts-Vorbereitungen. Das hört sich ungefähr so an:“So Kinder, jetzt macht mal den Sattel runter und reduziert die Luft in den Reifen. Ich fahr dann hier die erste Kurve mal vor.“ Gesagt, getan. „Und jetzt kommt hinter mir her.“ Also macht sich die gesamte Familie Feuerstein auf den Weg. Es sieht nicht so aus, als ob die Kinder dies wirklich geniessen würden aber der Vater scheint dies als Familienpflichtausflugsprogramm verordnet zu haben. Wir hoffen für sie, dass sie sich weiter unten nicht für eine der schwierigen Trial-Abfahrten entscheiden. Anyway, wir geben den Vieren ausreichend Vorsprung und machen uns dann selber auf den Weg. Die Schotterabfahrt ist aller Ehren wert, sehr ruppig, viele Serpentinen und grosse Steine. Nach einigen Kurven sehen wir die Feuersteins wieder. Sie sitzen am Rand auf einem Rasenstück und machen eine Pause. Alle Arme und Beine scheinen noch dran zu sein. Unsere Abfahrt geht weiter hinunter bis wir uns auf ungefähr 1200 Meter Höhe mit Sandra an einer Hütte zur Mittagspause treffen. Sandra hat sich am Morgen aus Riva per Mountainbike auf den Weg gemacht, uns unterwegs zu treffen um mit uns gemeinsam die Tour beenden zu können. Die Pausenhütte ist offensichtlich eine alte Wehrhütte und zu einem Mini-Freiluft-Wehrmachtsmuseum umfunktioniert worden. Die zahlreichen Schulklassen vor Ort haben ihre wahre Freude an den ausgestellten Kanonen und Granatwerfern und sogar die Aufsichtskräfte mit Megaphon scheinen dies eher unterstützen als unterbinden zu wollen. Wahrscheinlich werden den Schülern hier schon in jungen Jahren die Grundlagen des Verlaufes des 2. Weltkrieges beigebracht. Gleich nachdem sie alles über Hannibal und die Elefanten in den Alpen gelernt haben. Nach (jeweils) einem Snack, einem Bier und einem Wein geht es für uns weiter auf die Abfahrt nach Riva. Erst noch munter auf und ab bevor es dann sehr steil und technisch sehr anspruchsvoll die nächsten 300-400 Höhenmeter hinab geht. Ich muss einige Male absteigen, Andy und Sandra legen den Grossteil dieser Abfahrt zu Fuss zurück. Die verbleibenden Kilometer nach Riva, nahe des Seeufers am Hang entlang, durch Tunnel und auf schmalen Pfaden fahren wir gemeinsam und voller zufriedener Ehrfurcht. Der Gardasee ist einfach ein traumhaftes Mountainbike-Revier. In Riva setzen wir uns am Wasser in ein Cafe und trinken stolz unser Alpencross-Finisher-Bier. Dies schmeckt ausgezeichnet und fühlt sich wohlverdient an. Andy und ich sind uns sicher, dass solche Mehrtagestouren mit dem Bike etwas sind, was wir wieder machen wollen. Etwa als nächstes auf dem Rocky Mountain Ridge Trail, oder in den Karpaten in unbekanntem Terrain oder sonstwo interessantes. Die Lust auf Mehr ist in diesem Moment jedenfalls bereits gross. Sehr schön. Im Hotel angekommen können wir unser limitiertes Gepäck wieder durch das, was Sandra uns mitgebracht hat, erweitern. Das hilft. Auch kann ich meinen Peter Scholl-Latour unangefasst aus meinem Alpencross Rucksack in meine grosse Reisetasche überführen. Gelesen habe ich während der vergangenen acht Tage kein einziges Wort. Macht aber nix, nachher ist man immer schlauer. War sicher auch ein gutes Extra-Training durch das Mehrgewicht. Gemessen an dem, was wir alles hätten falsch machen können, hält sich unsere Summe an Lehrgeld doch sehr stark in Grenzen. Wir haben beide den Eindruck, dass sich unsere gute Vorbereitung ausgezahlt hat. Auch wissen wir jetzt, wie cool so eine Tour ist und dass sich eine Wiederholung in einem anderen Revier sicher sehr lohnen wird. Mal sehen, wann und wo es soweit sein wird.

Tag 1 nach der Tour: Ich bewege mich hier nicht weg!

Riva Hotelliege – Riva Hotelliege
100 Meter (zu Fuß), 0 Höhenmeter, 0 Fahrzeit

Ist das eine schöne und bequeme Liege hier im Hotelpoolgarten! Die habe ich mir verdient und werde sie für heute nicht mehr loslassen. Mit einem Buch zu dem aktuellen Trendthema „Downshifting“ ausgestattet mache ich es mir hier im Hotelgarten bequem. Das Ganze beginnt um 10 Uhr am Morgen und wird erst um 18 Uhr am Abend enden. Ich verlasse meine Liege heute genau dreimal um zum Klo zu gehen, zweimal um im Pool zu schwimmen und zweimal um an der Bar ein Bier und einen Snack zu holen. Traumhaft, ein sehr gutes Gefühl. Am Abend bleibt die Erkenntnis, dass A) das Buch schrott ist B) ich kein downshifting machen will C) ein Sabbatical die wesentlich bessere Alternative ist und D) der Erholungsfaktor während des Alpencrosses und an dem heutigen Tage riesengross war.

Erkenntnisse der Tour:

· Ein Alpencross ist eine echte Ablenkung, man vergisst die Arbeit!
· Der Weg ist das Ziel! Geniesse jeden Meter unterwegs, nicht erst danach.
· Nicht zu schnell (los) fahren! Im Koma macht ein Alpencross keinen Spass.
· Wenn es sehr steil ist, schieben! Hilft beim Geniessen und auf den Kilometern danach.
· Ein trockenes Unterhemd auf der Abfahrt erhöht den Spassfaktor deutlich!
· Verstärkte Mantelkarkassen (Snake Skin, Protection etc.) sind sehr zu empfehlen!
· Unbedingt Ersatzbremsklötze mitnehmen!
· Nicht nur auf GPS verlassen, unbedingt auch Karten aus Papier mitnehmen!
· Ein Hüttenschlafsack ist nicht notwendig wenn keine Hüttenübernachtung geplant ist!
· Auf einem Alpencross ist es nicht notwendig ein Buch mitzunehmen!
· Wiederholung (in anderem Revier) wird dringend empfohlen!

Die Gesamt-Daten der Tour:

8 Tage, 463 km, 41,6 h Fahrzeit, 13990 Höhenmeter
Kein platter Reifen, 2 Defekte bei Andy, beide behoben durch fremde Hilfe / einmal Bremshebel wieder eingehängt; einmal neue Bremsklötze, da abgenutzt und gebrochen.